Der Senderser Putz
Chronik · May 2008
Im Senderserthale1, das sich in der Nähe von Innsbruck hinter Axams, Götzens und Grinzens in die Hochalpen hinaufzieht, liegt eine Gemeindealpe. Kemateneler Alm, oder auch “d’ Heach” (die Höhe) genannt, auf der die Kematener Bauern 80 Kühe halten, nächstdem sie zur Ungarbergeralm 200 Stück auftreiben.
Auf dieser “Heach”, so geht unter den Bewohnern der nahe liegenden Gemeinden die allgemeine Sage: zeigt sich am Vorabende hoher Festtage ein riesiger Almgeist, der das Vieh von den Ketten lös’t, es hinaustreibt, dann mit flinker und kräftiger Hand den Stall säubert, zu welchem Behufe er eine Mistscharre verwendet. Den Mist legt er dann auf die “Radlbög” und führt ihn fort. Er macht seine Arbeit so rasch, daß der Boden zittert und hört erst auf, wenn es Morgens im Dorf “das Gebet” läutet. Natürlich gewöhnte man sich nach und nach an die Sache und ließ ihn unbeirrt schalten und walten, zumal er sonst nichts Böses that.
Das kam aber anders, als einst ein freigeistiger Senner die Alm bezog, der an dergleichen Spukereien nicht glaubte und diejenigen auslachte, die ihm davon erzählten. Und da er nun doch das rumoren mit eigenen Ohren hörte, wollte er der Sache auf den Grund kommen und wissen, was der Putz für einen Schubkarren benütze ob einen eigenen oder den des Senners; daher band er an den seinen eine Schelle. In der Nacht vor dem nächsten Feiertage vernahmen der Senn und mehrere Andere, die bei ihm waren, den Ton der bekannten Glocke, welche der Senner an das Rad gebunden hatte. Hört ihr’s, sagte da der letztere: der Heiter fährt richtig mit unserm Schubkarren; der Kerl soll nur für uns arbeiten. Dazu machte er ein recht höhnisches Gesicht und Glossen und dumme Spässe, ungeachtet des abmahnens der Senner, die sich von ihm entfernten, da er nicht nachließ zu spotten. Etwa 14 Tage nachher ging dieser Senner zwischen 11 – 12 Uhr Mittags vor die Kaserthüre, während die andern beiden Melcher beim Kessel saßen und die Klöse verspeisten, welche der Obersenner kunstreich gekocht, denn er war ein guter Koch; siehe da schritt der große Putz vorbei und den Senner plagte der Uebermuth, daß er ihm nachrief: Du darfst a nöt so heach sein, wenn d’ grad a Herenmoaschin bist; kimm nu eini und iß mit uns weil d’a die ganzi Nacht für uns arbeitest! Der Putz redete kein Wort; ging aber auf den Senner zu und schaute ihn so grimmig an, daß demselben gräulich Angst wurde und er in die Kaser eilte und von da in die Stube; auch hieher verfolgte ihn der Putz und würgte ihn auf der Schlemm, daß er ganz blau ward.
Die andern hörten nur den Senn erbärmliche Seufzer ausstoßen, worauf der Putz wieder ins Freie ging. Die Melcher liefen zu Hilfe und fanden den erstern aufgeschwollen und zerkratzt, mit blutender Brust auf dem Boden liegend, – halbtod. Er mußte darauf ins Dorf hinab getragen werden und starb nach 2 Tagen.
Man erzählt auch, daß der Schwenninger Jockl, der jetzt in Völs Bauer ist, 20 Jahr auf dieser Alpe auffuhr und allerhand von dem Putz weiß. Unter anderm soll ihn der Geist an einem Sonntage bis zur Almmarch (Alpenmarkstein) begleitet haben, um zu sehen, ob er gewiß zur Kirche gehe. Auch der “Helm Zanger” (Johann Helm), ein Bauer in Götzens, war allda 30 Jahre Geishirt und weiß verschiedenes von selbigem Almputz zu erzählen. Wer das alles erzählen wollte, könnte ein Buch damit anfüllen.
1 Mythen und Sagen Tirols, gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg; Zürich, Verlag von Meyer und Zeller; 1857
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