Heile Welt in der Region?

· März 2008

„Supernanny“ und „Teenager außer Kontrolle – Letzter Ausweg Wilder Westen“ im (RTL) Fernsehen, die öffentliche Diskussion in der BRD über „Bootcamps“ oder auch die Exkursion Tiroler Politiker zum so genannten „Boxcamp“ in Hessen führt uns fast tagtäglich die Hilflosigkeit der Erwachsenen vor Augen, mit dem aggressiven Ausdruck der betroffenen Kinder und Jugendlichen umzugehen.

Aggression

leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet soviel wie „heran treten“, „auf etwas zugehen“ oder „etwas in Angriff nehmen“. Aggression ist im ursprünglichen Sinn des Wortes weder gut noch schlecht. Positiv besetzt wird sie dann, wenn sie zu Konstruktivität, zu Kreativität und Engagement führt. Negativ erleben wir, wenn sie zur Destruktivität, zum Zerstören von Sachen oder gar Menschen führt.

Gewalt ist ein Wegschlagen von unangenehmen Gefühlen. Besonders männliche Jugendliche leben im Spannungsverhältnis von gesellschaftlichem ¬und/oder persönlichem Männlichkeitsbild und ihrer Gefühlswelt. Zudem scheinen die Räume immer weniger zu werden, in denen mit Aggression konstruktiv umgegangen werden kann. Der Umgang mit Gewalt bei Mädchen ist weniger beforscht, doch scheint es, dass trotz zunehmender Gewaltbereitschaft von weiblichen Jugendlichen andere Muster gewählt werden: verbale und psychische Gewalt mittels Erniedrigung, Kränkung oder Ausgrenzung aber auch Selbstaggression wie Selbstverletzung, Essstörungen und Sucht.

Eltern

wehren oftmals den Anfängen von Streit und Kämpfen und verunmöglichen so, dass Kinder ein Kräftemessen, ein Ausleben der ihnen innewohnenden Aggression im Rahmen vereinbarter Spielregeln üben können (Zwicken, beißen, an den Haaren ziehen, spucken, kitzeln, … und den anderen zu verletzen: ist verboten!).

Auf ein „.. bum, bum, … ich schieß dich Tod“ eines Dreijährigen, wird mit Entsetzen und/oder Unverständnis reagiert, anstatt es einfach als den momentanen Ausdruck der Frustration zu bewerten. Dass gerade das Thema „Konflikt“ so schwierig zu bewältigen ist, hat wohl auch damit zu tun, dass jene Generation, die heute Kinder erzieht, oftmals wenig brauchbare Modelle in der Familie, Schule, Ausbildung und Arbeit erfahren hat.

Die Schule

versteht sich in erster Linie als Vermittlerin von Kulturtechniken und sieht weniger das Einüben „Sozialen Kompetenzen“ in der Gruppe, als bedeutsame Aufgabe. Sie leidet darunter, dass vermehrt „verhaltensauffällige“ Kinder in den Klassen sitzen, und schiebt oftmals einseitig die Schuld den Eltern zu, die scheinbar zu wenig Grenzen setzen und/oder durch Überfürsorglichkeit die Unselbständigkeit der Kinder fördern.

Zugleich gibt es zu wenig gruppen- und psychodynamisches Wissen, um die Schule als „analoges Lernfeld“ für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder (und Lehrerinnen und Lehrer) zu nutzen. Ruth Cohn (TZI) mit ihrem Konzept des „Lebendigen Lernens“ strebt ein dynamisches Gleichgewicht an zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Personen, der Gruppe, deren Aufgabe und dem Umfeld (Schüler, Klasse, Lehrstoff – und Umfeld).

Schulsozialarbeit kann die Antwort auf die wachsenden Anforderungen und Bedürfnisse in diesem Bereich sein.

Die Umwelt:

„Betreten des Rasens verboten“, „Fußballspielen im Hof nicht erlaubt“, „Es ist untersagt, dass Einfriedungen und Geländer zum Turnen und Klettern verwendet werden“, … schränkt im städtischen Bereich vielfach Kinder und Jugendliche in ihrem Bewegungsdrang und dem Ausleben ihrer Lebendigkeit ein. Hier eine tragfähige Lösung zu entwickeln, die sowohl die Vitalität der Kinder berücksichtigt, als auch dem berechtigten Bedürfnis nach Ruhe von anderen Mitbewohnern nachkommt, stellt eine Hersauforderung dar, die alle Beteiligten gemeinsam entwickeln sollten.

All diese „Versagungen und Frustrationen“ der Kinder und Jugendlichen lösen nachvollziehbar Aggressionen aus. Den Kindern und Jugendlichen modellhaft Möglichkeiten vorzuleben und Instrumente in die Hand geben, mit diesen Gefühlen konstruktiv umzugehen, liegt in der Verantwortung von uns Erwachsenen.

Ausgesprochen reif

Aus meiner Sicht sind der überwiegende Teil der Heranwachsenden sozial unauffällig, ein recht großer Teil ausgesprochen reif, entwickeln sie in Peergruppen ihre Identität und Sprache wie zu allen Zeiten, und läuft das Zusammenleben über weite Strecken befriedigend. Im Wissen darum, dass die „Trotzphase“ ( ab ca. 1 ½ Jahren) gesund und notwendig ist, um Identität auszubilden, als auch die Rebellion und vermehrte Auseinandersetzung in der Pubertät ein notwendiger Reifungsschritt ist, um Frau bzw. Mann zu werden, lassen sich diese Entwicklungsphasen besser verstehen und die Herausforderung als Mutter oder Vater verantwortlicher wahrnehmen. Ein geringer Teil der Jugendlichen fällt auf, und insgesamt ist mein Eindruck, dass medial das Thema nur all zu gerne aufgegriffen wird. Andererseits wissen wir auch, dass innerfamiliäre Gewalt bis hin zu Übergriffen und sexuellem Missbrauch mehr in der Öffentlichkeit bekannt werden.

Aggression konstruktiv ausleben

Unsere Aufgabe als Erwachsene und auch einer Gemeinde sehe ich darin, den Kindern und Jugendlichen Räume zu eröffnen und sie zu ermutigen ihre Energie, Kräfte und Aggressionen konstruktiv auszuleben. Wir haben in unserem Dorf vielfältige Möglichkeiten – vom Musizieren, über Fußball und Wintersport, offene und verbandliche Jugendarbeit, Jungschar, Schützen … – wo Kinder und Jugendliche Erfahrungen machen können.

Alkohol enthemmt

Dass auch bei uns – vor allem wenn Alkohol im Spiel ist – destruktive Aggressionen vorkommen, scheint schwer zu verhindern zu sein. Ob im Sommer Biergarnituren (die dem FCG „entliehen“ werden) an der Feuerstelle „verheizt“ werden oder nun im Winter ein eingetretener Kasten der Schule, der heruntergerissene Postkasten, oder – als vorläufiger Höhepunkt der Gewalt – ein zerstörtes Zelt vor dem Musikpavillon nach Veranstaltungen, sind jeweils unübersehbare Zeichen, welche Seiten hervortreten, wenn die enthemmende Wirkung Alkohol von einsetzt.

Es scheint so, als ob die Betroffenen auf die vielfältigen Anforderungen, auf den erlebten Druck und auch den Stress mit einer „Scheinanpassung“ antworten und sozial erwünschtes Verhalten an den Tag legen – in Momenten des übermäßigen Alkoholkonsums aber all die hinuntergeschluckten und zurück gehaltenen Gefühle – gleich einem Dampfdruckkochtopf – durch das Überdruckventil zur Entladung kommen. (Gilt übrigens nicht nur für Jugendliche sondern auch für uns Erwachsene!)

Das will ich nicht dramatisieren oder moralisch an den Pranger stellen – sollte uns aber aufmerksam und achtsam machen.

Heile Welt in der Region?
Heil nicht, aber mit wenigen Ausnahmen und über weite Strecken in Ordnung!

— Manfred Deiser

Weitere Informationen zum Thema Familie, Kinder, und Jugend:
http://www.familienhandbuch.at

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