Im Gespräch mit Burgi Kofler

· July 2009

Der SENDERSWIND im Gespräch mit Gemeinderätin Burgi Kofler über die Arbeit im Gemeinderat, Basisdemokratie und positive Entwicklungen seit der letzten Wahl.

Liebe Burgi, welche Erfahrungen hast du als „Zuagroaste“ in deiner jetzigen Heimat Grinzens gemacht?

Gemeinderätin Burgi Kofler
Burgi Kofler
Jg. 1967
verheiratet - 2 Kinder
Bäuerin und Lehrerin an
der HLFS Kematen

Ich bin seit 1988 in Grinzens verheiratet, komme aus Achenkirch am Achensee aus dem Unterland. Die Eingliederung in Grinzens ist mir durch meine Familie sehr erleichtert worden – am Anfang habe ich noch mitgeholfen im „Spar-Geschäft“ meiner Schwiegermutter, wo ich von den Grinznern sehr herzlich und freundlich aufgenommen wurde.

Dadurch hatte ich auch die Möglichkeit, sehr schnell sehr viele Leute kennen zu lernen. Zudem habe ich sehr jung meine beiden Töchter geboren und bin infolgedessen durch die Kinder, die Spielgruppe, den Kindergarten und die Volksschule recht schnell ins aktive Dorfleben eingebunden gewesen. Da ging es mir, wie ganz vielen Frauen in Grinzens, dass durch die Kinder sehr wertvolle Kontakte und Freundschaften geknüpft werden und das ist auch gut so.

Durch das vielseitige Vereinsleben, das ich auch pflege, bin ich natürlich auch mit sehr vielen Grinzner in Kontakt. Hier ist jede noch so kleine Mithilfe oder Mitdenken und Dabeisein eine äußerst wichtige Bereicherung für das Dorfleben. Ich fühle mich rundum wohl und glücklich in Grinzens.

Ich möchte gerne das Stichwort Kinder und Kinderbetreuung aufgreifen. Ein Thema, das dir schon vor der Gemeinderatswahl 2004 ein wichtiges Anliegen war. Es wird ja immer wieder auch in Frage gestellt, „wozu braucht es denn überhaupt Kinderbetreuung“, auch von Männern, die oftmals Entscheidungsträger in der Politik sind.

Das Thema „Kinderbetreuung“ ist nicht so einfach, wie es ausgesprochen wird. Die Kindererziehung ist sehr komplex, es kommen einige Faktoren zum Tragen, viele Emotionen spielen mit, die Familiensituation, wo man lebt, wo und welchen Beruf man hat, wer welchen Stellenwert auch in der Familie hat, wie viele Kinder da sind, wie die finanzielle Situation ausschaut, und letztendlich die sozialen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Wenn ich mir das so anschaue, und ich bin jetzt 20 Jahre Lehrerin, arbeite also mit Jugendlichen von 14 – 19 Jahren, dann findet in der Kinder- und Jugendpädagogik eine vielseitige Entwicklung statt.

Wichtig aus meiner Sicht ist, bei der sozialen Entwicklung der Kinder so früh als möglich anzusetzen. Unter den zuerst genannten Rahmenbedingungen ist es in der heutigen, jungen Gesellschaft oft notwendig, dass beide Eltern arbeiten, dass sie durch Umzug keine Betreuungsmöglichkeit in der eigenen Familie haben, oder auch Oma und Opa entlastet werden können.

Ein ebenso wichtiger Faktor ist die durchschnittliche Kinderzahl von ein bis zwei Kindern pro Familie. Viele Kinder sind oft allein. Kinder sind am liebsten unter sich in einer Gruppe, der soziale Kontakt ist wichtig. Hier geht es nicht um ein „Abschieben“ der Kinder, sondern die Eltern möchten, dass die Kinder unter Kindern aufwachsen.

Zur Rolle der Väter: hier kann ich sehr viel Positives berichten und ich sehe das auch in Grinzens. Früher hat man wenige Väter mit den Kinderwagen spazieren gehen oder am Spiel- und Fußballplatz gesehen. Da hat sich sehr viel getan. Ein Umdenken in der Rolle „Mann – Frau“ hat stattgefunden und dementsprechend sollte man auch die infrastrukturellen Maßnahmen setzen.

Ein Vorwurf, den man der ULG im Gemeinderat immer wieder macht, ist, dass sie streitet und verhindert.

Ich spreche jetzt von mir persönlich. Ich bin eine Person, die etwas anpacken will, etwas aufbauen und etwas entstehen lassen will, und darum habe ich mich vor fünfeinhalb Jahren der Verantwortung in der Gemeinde gestellt.

Ich habe Verständnis dafür, was das Natürlichste auf der Welt ist, dass Leute, die sich gut miteinander verstehen, die gemeinsame Interessen haben, auch zusammen etwas unternehmen, Dinge besprechen. Ich habe aber absolut kein Verständnis, wenn anders denkende Personen ausgeschlossen, gemieden oder sogar boykottiert werden. Gesprächsbereitschaft nur anzubieten, ist einfach zu wenig. Es selbst zu leben und zu tun, auf den Mitmenschen zuzugehen, das ist der Schlüssel für Gemeinschaft.

Im Gemeinderat ist das ähnlich, es geht einfach um uns Menschen. Die Sympathien können genauso entstehen, obwohl man unterschiedlicher Meinung ist.

Wer das Gespräch und die positive Einstellung zum Mitmenschen verliert, verliert auch etwas von sich selbst.

*Wie verstehst denn du, Burgi, die Tatsache, dass in dem Arbeitskreis, den du geleitet hast und in dem beide „Lager“ vertreten waren, es gelungen ist, die unterschiedlichen Kräfte zu bündeln und drei Lösungsvorschläge zu erarbeiten?

Etwas, wo ich die letzten 1 1/2 Jahre große Freude hatte, war das Arbeiten und Entstehen, Konkretisieren des Arbeitskreises „Bedarfsgerechte Kinderbetreuung“. Da gab es, wie du richtig gesagt hast, Männer und Frauen aus Grinzens, die ein gemeinsames Projekt für unsere Kinder verfolgten. Eine äußerst positive Erfahrung. Es hat auch gegensätzliche Meinungen gegeben; es hat Höhen und Tiefen gegeben, aber nichtsdestotrotz sind wir zu einem guten Ergebnis gekommen. Das ist für mich einfach gelebte Demokratie.

Und wenn du das jetzt rückblickend anschaust, was glaubst du, dass es ermöglicht hat, hier trotz der spürbaren Unterschiede es letztlich in etwas Konstruktives fließen zu lassen? Denn mit dieser Unterschiedlichkeit gelingt es im Gemeinderat oftmals nicht, eine konstruktive Lösung zu entwickeln.

Ich habe einen Prozess geführt, der klar strukturiert war. Und es hat ein gemeinsames Ziel gegeben. Natürlich ist es nicht immer möglich, dass jede Meinung, jedes Argument zum Tragen kommt, hier braucht es Kompromisse.

Im Gemeinderat dagegen muss das oberste Ziel sein, für die Bevölkerung von Grinzens kostengünstige Entscheidungen zu treffen. Das sollten sich alle GemeinderäteInnen vor Augen halten. Und nicht irgendwelche anderen Beweggründe vorschieben.

*Wenn ich das für mich übersetze, dann heißt das, dass der Schlüssel zum Erfolg des Arbeitskreises der war, dass du als Leiterin einen klar strukturierten Rahmen geschaffen, Informationen an alle gegeben hast und man miteinander nie das Ziel aus den Augen verloren hat – die Kinderbetreuung?

Das ist richtig. Das werde ich auch immer so sehen. Ein Grundstein war natürlich die Ausgangssituation: der damalige Bürgermeister Karl Gasser wollte diesen Arbeitskreis und hat ihn mir, obwohl ich ULG-Gemeinderätin bin, übertragen.

Mandatare der unterschiedlichen Listen gehen in Einzelgesprächen durchaus konstruktiv, wertschätzend, im weitesten Sinne „normal“ miteinander um. Wenn sie aber als Gruppierungen aufeinender treffen, tritt oftmals anderes zu Tage. Wie verstehst du das?

Ich kann diese Dynamik auch beobachten, denke aber, dass wir keine Kinder und Jugendliche mehr sind, wo Identität auch über Kleingruppen gebildet wird. Wir sind verantwortungsbewusste Erwachsene, die im Interesse der Bevölkerung zu handeln haben.

Es kommt im Gemeinderat immer wieder zu konflikthaften Situationen. Was wäre denn aus deiner Sicht ein brauchbares Instrument, oder eine Möglichkeit, diese zum Teil verhärteten Fronten aufzuweichen, und doch im Sinne – wie du sagst – eines gemeinsamen Zieles wirksam zu werden?

Dazu helfen sicherlich Arbeitsgruppen, außerordentliche Besprechungen, Fachmeinungen und Stellungnahmen von BürgerInnen. Das bedeutet Engagement und Arbeit. Wir haben einige Gemeinderatsitzungen erlebt, die von Gastreferenten geleitet wurden und sehr konstruktiv und emotionslos verlaufen sind. Sitzungen, wo sehr viele Grinzner als Zuhörer kommen, verlaufen ebenfalls disziplinierter.

Ideal wäre ein Gesprächsklima auf Sachebene, wo alle Vor- und Nachteile abgewogen werden, einander auch zugehört wird, um zu einem für die Bevölkerung zufrieden stellenden Ergebnis zu kommen.

Das klingt für mich so, als ob jemand von außen da sein sollte, der Hüter über die „Kultur des gemeinsamen Umgangs“ wäre.

Die ULG ist stets bemüht, alle Sachargumente einfließen zu lassen. Leider werden wir nach außen hin als Diskutierer, Verhinderer dargestellt. Es sind jetzt fünfeinhalb Jahre um, und die gelebte Demokratie ist nur ansatzweise gelungen. Der Karren ist schon sehr festgefahren.

Stichwort fünfeinhalb Jahre um. Wie und was hat sich denn aus deiner Sicht seit der Wahl 2004 entwickelt?

Da gibt es zwei Dinge. Eine Sache ist, dass ich sehr wohl bemerke, dass viele Frauen und Männer und auch Jugendliche sich aktiver und engagierter mit den Themen der Gemeinde auseinandersetzen, miteinander reden und, dass es zu Diskussionen kommt. Ich sehe auch, dass mehr Zuhörerinnen und Zuhörer zu den Gemeinderatsitzungen kommen, dass nach Veranstaltungen gemeinsam über Themen geredet wird, auch hinterfragt wird, dass diskutiert wird. Das ist sicherlich ein positiver Aspekt, das gehört zur offenen Meinungsbildung.

Das zweite ist, dass auf Initiative der ULG einige wichtige Projekte umgesetzt worden sind, wie die Nahversorgung mit Lebensmitteln, der Jugendraum und die Sommerbetreuung von Kindern und Jugendlichen. In Arbeit, wenn auch noch nicht abgeschlossen, sind die Sanierung des Wasser- und Kanalnetzes und die Errichtung eines Rundwanderweges in Untergrinzens.

Aber es liegt auch noch vieles vor uns: In der nächsten Gemeinderatssitzung am 09. Juli 2009 wird darüber zu entscheiden sein, wie die nachmittägliche Betreuung von Kindern verwirklicht werden soll.

Burgi, herzlichen Dank für das Gespräch.

— Manfred Deiser

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