Im Gespräch mit Christian Odor

· May 2009

Der SENDERSWIND im Gespräch mit Gemeinderat Christian Odor

Christian, in der letzten Sitzung des Gemeinderats wurde beschlossen, ein neues Bürgermeister-Büro zu bauen. Was sagst Du dazu?

Gemeinderat Christian Odor
Christian Odor
Jg. 1963
verheiratet - 2 Kinder
Mitglied der Schützenkom-
panie Grinzens seit 1978

Ich find es grundsätzlich völlig in Ordnung, dass das alte Post-Büro ins Gemeindeamt eingegliedert wird, weil – bevor es leer steht – soll man es doch ruhig sinnvoll verwenden. Was ich aber nicht in Ordnung finde, ist: Das ist doch keine neue Situation, dass das Büro leer steht.

Schon vor Jahren wollte der damalige Vizebürgermeister Toni Bucher dort einen Bauernmarkt einrichten. Den gibt es leider bis heute immer noch nicht. Und: Man hätte dieses Vorhaben ordentlich fürs nächste Jahr budgetieren können. So wird das ganze wieder eine typische Hauruck-Aktion der Heimatliste. Das Geld dafür ist doch gar nicht da und muss wieder irgendwo anders weggenommen werden.

Aber der Bürgermeister hat doch dieses Jahr über 120.000 EUR Überschuss erwirtschaftet?

Also, Moment mal – Überschuss heißt doch: Ich habe mehr eingenommen als ausgegeben – das wäre ein Überschuss. Aber das ist doch bei uns gar nicht der Fall. Wir haben einfach geplante Vorhaben nicht realisiert – das ist der Punkt. Das Geld ist doch nicht über, weil wir so sparsam waren oder weil wir alle Projekte umgesetzt haben und dabei weniger Geld ausgegeben haben, als wir vorher budgetiert hatten.

Wir brauchen das Geld doch immer noch für die Vorhaben. Es sei denn, der Bürgermeister sagt: Die im letzten Jahr geplanten Projekte sind gestorben, die interessieren uns nicht mehr, dann haben wir jetzt einen Überschuss. Aber das mag ich nicht glauben. Das kann doch nicht sein, dass ein Gehsteig plötzlich nicht mehr relevant sei, oder?

Was sollte der Bürgermeister Deiner Meinung nach denn jetzt mit dem Geld machen?

Die vom Gemeinderat beschlossenen, aber nicht realisierten Projekte schnellstmöglich in Angriff nehmen und zu Ende bringen. Dafür sollte, nein muss er das Geld verwenden – so wie es der Gemeinderat eben beschlossen hat. Das ist doch keine Wunschliste des Gemeinderats und auch nicht sein Geld, sondern das von uns Gemeindebürgern. Und: Um den Vizebürgermeister Charly Janssenberger zu zitieren: Man soll doch bitte zuerst bereits beschlossene Projekte realisieren, bevor man sich ständig neue Vorhaben einfallen lässt und die Abarbeitungsliste oder der Umsetzungsstau immer länger und länger wird.

Bleiben wir bei dem angesprochenen Umsetzungsstau: Glaubst Du, daß der Gemeinderat bis zur Wahl noch einige der ausstehenden Projekte umsetzt?

Noch einmal Moment: Ein beschlossenes Projekt ist doch keine Frage des Gemeinderats mehr – ein Beschluss ist ein Auftrag des Gemeinderats an den Bürgermeister, das Vorhaben so und nicht anders umzusetzten. So schaut‘s aus.

Wir haben ja im Senderswind vor kurzem gelesen, daß Du Dich mit dem Thema Erneuerbare Energie schon länger auseinandersetzt. Dieses Thema wird ja jetzt von der LA21-Gruppe Energie geleitet – was gibt es Neues?

Also: Ich bin die ganze Woche beruflich unterwegs und konnte daher zu den beiden einzigen Treffen des Energiearbeitskreises nicht kommen. Ich hab bisher auch noch nichts von irgendwelchen Ergebnissen gehört. Prinzipiell glaube ich aber auch, dass so ein Thema zuerst als kleines Pilotprojekt gestartet gehört und nicht gleich die große Riesengesamtlösung – wir sind halt nicht so groß, so schnell, so mutig wie die Seefelder, die sich eine richtig große Fernwärmeanlage haben hinstellen lassen.

Aus diesem Grund waren wir ja damals in Obermieming beim Waldaufseher Karl Krug und haben uns ganz genau angeschaut, was haben die gemacht und wie geht das. So etwas kann ich mir in Grinzens schon eher vorstellen. Der aktuelle Stand bei uns ist der: Stefan, mein Nachbar, bekommt jetzt gerade seine neuen Fenster eingebaut, das war wichtig. Fenster, Dach, Fassade sind halt einfach wichtig, wenn Du Energie sparen willst.

In der Zwischenzeit haben wir uns noch einmal mit Anbau von Elefantengras als Energieträger beschäftigt und würden gerne noch in diesem Jahr in Grinzens oder Umgebung ein Testfeld bepflanzen.

Dafür möchte die Gemeinde nun eine weitere Zertifizierung angehen – e5 Energiegemeinde. Was denkst Du dazu?

Wunderbar, wenn da was weitergeht bei der Agenda. Aber wenn wir Grinziger darauf warten wollen, verstreichen noch Jahre, bis sich wirklich was tut – das glaube ich jedenfalls. Für so etwas braucht es einfach einen Visionär oder engagierte Bürger als Initiatoren. Das kann nicht die Gemeinde sein. Die hat erst mal genug mit ihrer Abarbeitungsliste zu tun.

Was war eigentlich Dein persönlicher Antrieb, als Gemeinderat aktiv zu werden?

Um frischen Wind einzubringen und alte Strukturen zu hinterfragen. Immer nur vom Biertisch aus zu kritisieren – das ist nicht meins.

Ist das gelungen? Hinterfragen oder sogar verbessern?

Messbar verändert haben wir ganz sicher eines: Bei den Gemeinderatsitzungen sind jetzt zumindest immer alle Gemeinderäte anwesend – das war ja nicht immer so. Und es wird um jedes Projekt gerungen – egal, wie es dann letztlich ausgeht. Jetzt gibt es keine One-Man-Show mehr – das hätte es früher nie gegeben.

Wenn man sich die Tagesordnungen der letzten Monate genauer anschaut, finden sich da aber keine Punkte „Beratung, Aussprache oder Diskussion“ – nur Beschlusspunkte.

Ja, leider ist es so. Seitens der stimmenstärksten Fraktion werden nur noch Beschlussanträge gestellt. Wir Gemeinderäte können uns dann noch kurz überlegen, ob wir dafür sind oder dagegen – das Ergebnis steht eigentlich vorher schon fest – das ist 7:6 oder 13:0.

Das ist nicht das, was ich als „demokratisch meinungsbildend“ bezeichnen würde. Das ist es einfach nicht. Weil ein sogenannter Clubzwang – wie er leider momentan im Gemeinderat herrscht, hat meiner Meinung nach auf Gemeindeebene überhaupt nichts verloren. Und eines möchte ich auch noch einmal ganz klar sagen: Die ULG hat öfter schon uneinheitlich mit dem Bürgermeister mitgestimmt. Umgekehrt hat es das meines Wissens noch überhaupt nie gegeben.

Warum wird dann im Gemeinderat oft so und nicht anders abgestimmt?

Weil‘s einfach so ist, dass eine gewisse Loyalität eingefordert wird. Das ist im Prinzip ja auch völlig in Ordnung. Es muss aber erlaubt sein – wenn etwas völlig wider der Vernunft und des Hausverstandes einfach niedergestimmt wird, dann muss es erlaubt sein, auszuscheren und zu sagen: Ich mach da nicht mit. Das ist eigentlich so gut wie nie eingetreten. Die Anlässe dazu hätte es schon gegeben – ein paar Mal schon.

Willst Du damit also sagen, dass ein jeder Gemeinderat zuerst seinem Gewissen und Grinzens gegenüber verantwortlich sein sollte und nicht seiner Liste?

Das ist nicht nur meine Meinung, davon bin ich zu 100% überzeugt. Das ist sein Auftrag, für das ist er da. Das ist völlig unabhängig von vergangenen oder zukünftigen Wählern. Das kann‘s nicht sein.

Grinzens ist eine kleine Gemeinde, wir haben relativ wenig Geld zur Verfügung. Es geht nur darum, das Geld optimal einzusetzten und – egal wo – für die Gemeinde das Beste herauszuholen. Wir haben ja nichts zu verschenken – sei es das leidige Wasserthema oder der Golfplatz oder was auch immer. Wir können es uns einfach nicht leisten. Und wir dürfen einfach keine Partnerschaften eingehen, wo für uns am Schluss nichts übrig bleibt.

Was würdest Du in Grinzens denn ändern wollen, wenn Du es könntest?

Wichtig wär‘ doch, die Ressourcen, in denen Grinzens stark ist, zu stärken und nicht irgend etwas zu lancieren, was sinnlos ist: Wir haben keinen Fremdenverkehr in Grinzens. Das, was wir haben, ist Wald, Wiese, Luft und eine starke Landwirtschaft. Das haben wir, und aus dem müsste man was machen. Es gibt genug Möglichkeiten.

Es ist ein Golfprojekt angeleiert worden, das dann auch sehr kontrovers diskutiert worden ist. Dass es denn dann doch nicht in der Grinziger Reinlösung zustande gekommen ist, war ja nicht ein Thema der ULG oder der Heimatliste, sondern es hatte ja einen Grundstückseigentümer als Hintergrund. Das war ja aber nicht ein Projekt unter vielen, das wir einfach aufgegriffen haben. Sondern es war das einzige zukunftsorientierte Projekt bis dato, was in so einer Dimension überhaupt angedacht worden ist.

Und warum sich in Grinzens keine Betriebe angesiedelt haben und 20 m übern Bach drüber schon der erste Betrieb ist – ich weiß auch nicht, warum das so ist. Das Ergebnis wissen wir, warum das so ist, sollten wir diskutieren. Und sich immer nur zu beklagen, dass Grinzens keine Einnahmen hat, und wir am Tropf der Bedarfszuweisungen hängen, ist meiner Meinung nach zu wenig, weil man da in Abhängigkeiten gerät. Das kann es doch nicht sein.

Wenn man sich unsere Nachbargemeinden so anschaut: Die sind alle besser aufgestellt, was das betrifft, als wir. Telfes, Neustift, Sellrain, Unter- und Oberperfuss, Kematen, Axams – alle. Ich wüsste jetzt hier und heute keinen wirklichen Grund, warum beispielsweise Sellrain – rein geografisch oder demografisch – besser dasteht als Grinzens. Also ich kann keinen plausiblen Grund nennen.

Zum Schluss noch eine eher private Frage: Du bist ja nun schon bereits mehr als 30 Jahre bei den Grinziger Schützen? Was ist da Deine Motivation?

Mir ist die Tiroler Tradition wirklich wichtig. Die Schützenkompanie ist für mich der ideale Berührungspunkt mit Schützenkameraden, mit denen ich ansonsten vielleicht nicht zusammentreffen würde, weil wir einfach in zu verschiedenen Lebensbereichen aufgestellt sind, um zusammen zu kommen.

Ich sag es ganz ehrlich: Ich bin immer voller Stolz, wenn die Grinziger Schützenkompanie als eine der stärksten Kompanien im Mittelgebirge ausrückt. Und ich hab ein ganz besonderes Herz für die Pokalschützen, also für die Sportschützen – das ist meins.

Christian – vielen Dank!

— Redaktion

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