Nachgedanken zur TirolerFreiheit

· September 2007

TirolerFreiheit - BühnendetailDieses Stück der TirolerFreiheit tritt uns in vielen Szenen als Komödie entgegen. Als ganzes betrachtet aber, gibt es eine finstere Tragödie ab. Eine einzige Farce von Verblendung, Täuschung und Betrug. Alles ist beherrscht von großer Ausweglosigkeit, die Weltgeschichte erscheint als unlenkbarer Koloss. Die Hauptakteure wirken wie programmiert. Mutter Negrelli und Pater Daney scheinen als einzige tiefer zu sehen. Was ist der historische Hintergrund, vor dem das Stück angesiedelt ist?

Die europäischen Monarchien reagierten nach 1790 auf die Gefahr, die für sie von der jungen französischen Revolution ausging. Sie versuchten die Revolution durch Krieg rückgängig zu machen. Indirekt ist es ihnen auch gelungen. Unter der Bedrohung von außen entgleiste die demokratische Revolution zu einer Gewaltherrschaft von Wenigen, die schließlich zur Diktatur Napoleons führte, der sich als „Verteidiger der Revolution“ aufspielen konnte. Die französischen Truppen zogen anfänglich mit dem Versprechen durch Europa, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an die Stelle von Unterdrückung und Feudalherrschaft zu setzen. Schnell aber waren die Ideale der französischen Revolution den Zielen von großräumiger Eroberung und Ausbeutung zugunsten von Napoleons Familie gewichen. Dafür wurden in jedem „befreiten“ Land Burschen und Männer zu den Armeen Napoleons eingezogen. Es ist dem Georg Bucher aus Axams nicht zu verdenken, dass er es ablehnte, sich „für das Bonapartl-Schwein requirieren zu lassen“. Aber er konnte nicht zwischen Krieg und Frieden wählen. Ihm blieb nur die Wahl zwischen einem Kampf unter bayerischem Kommando gegen die Habsburger Truppen oder einem Kampf als Freischärler gegen die Truppen des Bayernkönigs Max.

TirolerFreiheit - KinderWoraus bezogen die Freiheitskämpfer ihre Überzeugung, dass die Habsburger Herrschaft besser sei als die des Bayernkönigs? War unter österreichischer Herrschaft eine weitergehende Selbstbestimmung für Tirol zu erwarten als unter bayerischer? Hofer erhoffte das wohl, wenn er verkündete: „Die Berg, die sein a Festung, an dea si’ no a jeda den Kopf bluatig g’schlagen hat …“ Hätten Hofers Leute gesiegt, sie hätten gute Karten in den Verhandlungen mit dem Kaiser Franz gehabt, denn auch er hätte sich den Kopf blutig schlagen können.

Aber es kam alles ganz anders. Die europäischen Monarchien überlebten die entgleiste französische Revolution. Noch mehr als hundert Jahre sollte es dauern, bis am Ende einer katastrophalen Entwicklung, die im ersten Weltkrieg gipfelte, die Monarchien zu Grabe getragen wurden.

— Gebhard Grübl

Zum Stück:

Ein Ensemble von hundert Mitwirkenden zeigte auf der Freilichtbühne Grinzens den Ablauf des Geschehens von der zweiten Schlacht am Bergisel bis zum bitteren Ende des Tiroler Freiheitskampfes 1809.

Einige in der landläufigen Rezeption weitgehend unbekannte Aspekte wurden dabei besonders hervorgehoben, das Spannungsfeld zwischen dem urbanen und ländlichen Lebensgefühl oder der Umbruch im Denken und Handeln vom Absolutismus zum Nationalismus.

1809 ist nicht nur für Tirol ein bedeutendes Jahr. Es ist eine Schnittstelle in der europäischen Geistesgeschichte, deren Bedeutung durch Mythenbildungen rund um Helden eher verdeckt denn durchschaubar gemacht wird.

Andreas Hofer ist eine tragische Figur, eine Art bäuerlicher Don Quixote, gutmütig, demütig, gläubig, der das Bauernopfer im Spiel rund um die Restauration alter Herrschaftsstrukturen bringt. Hofer verfällt im Laufe des Geschehens in Depression. Das Krankheitsbild ist bezeichnend für den Verfall des patriarchalischen Lebensgefühls der „Vatergesellschaft“.

Das Spiel nimmt auch besondere Rücksicht auf die Rollen der Frauen im Krieg, von der Durchhaltefrau Anna Hofer bis hin zur Giuseppina Negrelli, die zur Freiheitsheldin erklärt wird und dieser zudiktierten Rolle abschwört.

Der Umbruch im geistlichen Leben jener Zeit wird im Spiel im Streit zwischen dem aufgeklärten Geistlichen Josef Daney und dem Vertreter des Kampfes um die Beteiligung der Geistlichkeit an der weltlichen Macht am Beispiel von Haspinger dargestellt.
Erstmalig wird in einem Spiel um Andreas Hofer das Wechselspiel zwischen Held und Verräter zur Nebensache erklärt und begründet, warum das Jahr 1809 ein Schlüsseljahr für Tirol ist.

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