Unkenruf, der Achte
Ausgabe Nr. 10 · April 2007
Heute ist Samstag und ich komme gerade zurück von einem nachmittäglichen Besuch bei meiner Freundin im Bachl. Ich gehe ja neuerdings wenigstens einmal in der Woche zum Bachl. Ich muss dort nämlich hin zum Duschen, denn der Wirschtsee ist strohtrocken. Und wenn ich nicht gelegentlich dusche, dann beschweren sich die Vögel, diese feinen Binkel, über meinen strengen Geruch. Ihre Jungen würden schon an Atemnot leiden, so klagen sie. Na, die Vögel sind ja nicht gerade meine Freunde. Ganz im Gegensatz zu den sexuell hyperaktiven Fröschen, die mir in den Frühlingstagen vergangener Jahre so lustige Gesellschaft boten. Die aber heuer leider ausbleiben. Irgendwie hat es sich zu ihnen herumgesprochen, dass der Wirschtsee nicht mehr ganz dicht ist. Ist nicht einfach, wenn man als einziges Kriechtier unter lauter Vögeln übrig bleibt!
Am Rückweg durch die Kirchgasse sind mir scharenweise
Buben und Mädel entgegengekommen. Kunstvoll herausgeputzt, mit viel Gel im Haar und Farbe im Gesicht. Die übergroßen Hosen tiefer gelegt, die Gürtel um die Knie, so schleppten sie sich gen Pavillon. Wohin des Weges?, fragte ich sie. In den Jugendraum! Ja gibt’s denn das? Habt ihr neuerdings im Pavillon Disko und Billard? Super, dass da was daraus geworden ist! Hätte ich auch
gerne gehabt in meinen bess’ren frühen Tagen. Dann wäre vielleicht nicht so eine einzelgängerische, traurige Unke aus mir geworden.
Wie ich höre, reicht euch der Jugendraum jedoch nicht. Ihr habt noch größeres vor. Ihr wollt den Sportplatz vielseitiger machen. Ist ja toll, wenn das alles kommt, was die Gerüchte durchs Dorf tragen. Dann werde sogar ich meinen Sport finden. Aber habe ich nicht schon vor einem Jahr davon gehört, dass der Sportplatz erweitert werden soll? Was ist geschehen? Ach ja, der Vermesser lässt euch immer hängen! Und daher gibt’s noch keinen Plan. Aber seid getrost, mit der näher rückenden Wahl werden die Vermesser pünktlicher.
Ihr wollt auch mehr auf das Wohlergehen von uns Tieren und auch der Pflanzen achten. Ein schöner Zug von euch. Und ihr überflügelt euch dabei noch gegenseitig mit Initiativen. Schlägt der Rechtsanwalt den Beitritt zum Klimabündnis vor, dann legt der
Vizebürgermeister und Waldhüter zwei Monate später ein Schäuferl nach: „Wenn schon, dann gleich zur Agenda 21 und mir dersparen uns die hundert Euro für die Regenwaldindianer!“ Ja so was, da reuen euren regen Waldhüter die hundert Euro für
die Regenwaldhüter? Ja mir soll’s beides recht sein, wenn wirklich was daraus wird. Hoffentlich übernehmt ihr euch nicht dabei, oder dass es euch wie dem berühmten Esel ergeht. Ja, diese Geschichte von Buridans Esel muss ich noch auftischen. Die ist schon oft erzählt worden. Immer wieder in leicht abgewandelter Form.
Ich habe sie das erste Mal von einem griechischen Philosophen vor ungefähr 2350 Jahren gehört. Sie handelt davon, dass ein Hund, ja richtig, ein Hund und kein Esel, vor zwei gleich gut gefüllten Fressnäpfen verhungert, weil er sich nicht entscheiden
kann, aus welchem Napf er fressen soll. Der Hund hatte nämlich einen verhängnisvollen Hang zur Nachdenklichkeit und jedes Mal, wenn er meinte, sich für einen der beiden Näpfe entschlossen zu
haben, dann befiel ihn die Frage, warum er sich denn für diesen und nicht für den anderen Napf entscheiden sollte. Der eine Napf war ja schließlich genau so gut wie der andere. Dumm gelaufen! Nur weil er glaubte, dass alles, was passiert, eine Ursache haben müsse, verhungerte der gelehrte Hund des Aristoteles.
Erst 1700 Jahre später war aus dem Hund durch einen Spötter ein Esel geworden, der zwischen zwei Heuhaufen wählen musste. Noch einmal 650 Jahre später hatte sich der Esel in ein Heer von außerirdischen Robotern gewandelt. Die schwer bedrängten
Erdbewohner konnten sich in dieser vorläufig letzten Version der Geschichte nur dadurch vor dem Untergang retten, dass sie den Außerirdischen zwei völlig gleiche Angriffsziele boten. Vor diese hinterfotzige Wahl gestellt, leerten die Kampfmaschinen ihre
Batterien mit der Suche nach der Entscheidung, welches der beiden Ziele sie zuerst anzugreifen sollten. So hauchten sie ihr streng logisch programmiertes Leben in einer Endlosschleife aus.
Wenn ihr also zwischen dem Klimabündnis oder der Agenda 21 entscheiden müsst, dann denkt an den Esel, dessen Gerippe zwischen zwei Heuhaufen bleicht! Aber wahrscheinlich ist meine Sorge unnötig. Es wird euch schon jemand den Unterschied der beiden Heuhaufen klar machen. Zur Not müsst ihr halt auf die Frage zurückgreifen, von wem wann welcher Heuhaufen ins Spiel gebracht wurde. Das hilft immer, nicht wahr?
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