Unkenruf, der Siebte
Ausgabe Nr. 9 · Dezember 2006
Eigentlich sollte ich ja schon längst meine Körpertemperatur auf ein paar Grad heruntergefahren und mich zur winterlichen Ruhe begeben haben. Aber wer wollte bei einem solch traumhaft schönen Herbstwetter schnarchen, statt sich die Sonne beim Rückenschwimmen auf den Bauch scheinen zu lassen? Außerdem habe ich mir ja auch so manches zu überlegen. An welche von Euren beiden Dorfzeitungen soll ich künftig meine Rufe schicken? Kann ich mein Honorar hochtreiben, wenn ich mit dem Absprung zur Konkurrenz drohe? Na ja ich sehe schon, dass die Senderswindler taub sind auf diesem Ohr. Aber die haben ja keine Ahnung, was man sich als einfache Unke alles erst mühsam erarbeiten muss.
Manches Mal, da habe jedoch auch ich Glück. Oder glaube wenigstens im ersten Moment, es zu haben. Da finde ich doch glatt so ein neumodisches Miniaturradio im Feuerzeugformat. Noch dazu eines mit Kopfhörer! Wollte schon lange mal probieren, was da so herausrieselt. Hui hat das einen Lärm gemacht. Klingt so ähnlich wie das Zeugs, das neuerdings aus dem Pavillon herüberweht. Aber zum Glück genügt ein Tastendruck und schon hört sich das Ding ganz anders an. Gewichtige Interviews statt Beat und Rock’n Roll. Und was hör ich da? Einen Ö1-Report1 über Dörfer im Einzugsgebiet von Innsbruck. Stimmen, die mir bekannt vorkommen, sind auch dabei.
Eine Redakteurin versucht die Schuldigen dingfest zu machen, die für die Gasthaus- und Geschäftsschließungen in Grinzens verantwortlich sind. Sie findet sie schnell. Es sind die „Neogrinziger“, also eure Zuagroasten. Zum Beleg ihrer Theorie lässt sie einige von Euch zu Wort kommen.
Redakteurin: „Mittlerweile jeder Dritte in der Gemeinde ist ein Neogrinzener.“ Ein Grinziger: „Is’ halt oft schwierig, weil viel’ dabindet man ins Dorfleben und ins Vereinsgeschehen nicht ein. Weil dia wellen in da Gemeinde auß’n eana Ruah hab’n. Dia setz’n Bam ums Haus umma. Dia sein na galing 20 Meter hoch und da siagt niamand mea eini. Aba des Dorfleben ging z’grund mit dem. Des is so.“ Etwas später klagt ein anderer Grinziger: „Weil natürlich jeder vor seiner Haustür jammert: ‚Da war’s so schön ruhig. Da will i jetz net des hab’n. Da will i jetzt koa G’schäft hab’n.’ Oder: ‚Da kann i jetz koa Gaschthaus hab’n. Weil da geht’s dann bis Oans die Nacht rund.’ Wia g’sagt es woa mit allen meglichen Versuchen in Grinzens was wieder zu beleben. Die sind an solchen Menschen dann teilweise gescheitert. Bis hin, dass die dann teilweise schon politische Listen aufstellen und versuchen natürlich da im Gemeindealltag mitzubestimmen. Und an dem sag’ i amol kann man dann messen, ob es im Dorfleben positiv weita geht oda ob da amol zu viel Macht in a andere Richtung geht und einfach solche Dinge nicht mehr stattfinden können. Net?“
Das ist ja toll! Können bei euch wirklich ‚teilweise schon eigenmächtig politische Listen aufgestellt werden’? Da könnte ja auch ich eine Liste gründen. Ich würde sie, die UnkenListeGrinzens nennen! Eine Kurzbezeichnung müsst’ ich mir halt noch einfallen lassen.
Naja, inzwischen hab’ ich das Radio im Wirschtsee versenkt. Dort ist aller Tiefsinn gut für die Jahrtausende aufgehoben. Und ich wird’ mich jetzt doch noch zur Winterruhe begeben. Übersteht mir die dunkle und kalte Jahreszeit unbeschadet. Ich melde mich wieder, wenn das Eis schmilzt.
1 Die Unke hat offenbar zufällig die Ö1-Sendung Journal Panorama 21. November 2006 gehört. Dem Redaktionsteam liegt eine Aufzeichnung der Sendung vor, die auf Wunsch übermittelt wird. Anfragen an: office@senderswind.at
Artikel senden
